Wir waren sehr geschockt als wir letztens einen Artikel im Spiegel gelesen haben, der Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen und auch roomsafari auf eine Weise thematisiert, die wir so nicht unkommentiert im Raum stehen lassen möchten. Daher aus aktuellem Anlass unser Leserbrief, den wir an den Spiegel gesendet haben:

Von den Designern von roomsafari zum Spiegel-Online-Artikel 'Wie ein Mensch zweiter Klasse' vom 19. April 2019 und in der Print-Version ‚185 Euro im Monat‘ vom 20. April 2019:

„roomsafari“, die Designabteilung und Eigenproduktion der VfJ Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen und die von uns entworfenen Garderobe Leanon stehen im genannten Spiegelartikel gleich am Artikelanfang beispielhaft für eine hier zur Diskussion gestellte Ausbeutung von Menschen mit Beeinträchtigungen.

Prominent negativ in Szene gesetzt, direkt unter der Überschrift 'Wie ein Mensch zweiter Klasse' bzw. ‚185 Euro im Monat‘ wird die roomsafari-Garderobe Leanon von der Autorin süffisant eingeführt: 'Rund 200 Euro kostet das Gefühl, ein Designermöbelstück zu kaufen und dabei scheinbar noch Gutes zu tun'. Diese Formulierung, die sowohl beleidigend gegenüber roomsafari als auch den Kunden ist, wird gleich nachfolgend ausgeschmückt durch die Unterstellung des Aktivisten Herrn Krauthausen, solche Produkte trügen ‚zur "Ausbeutung von Menschen mit körperlicher oder geistiger Einschränkung bei" '. Weiter unten dann noch von ihm: ‚Werkstätten seien "ein großes Business“. Ausserdem wird im Artikel behauptet Werkstätten ‚sind in der Region eine ernste Konkurrenz für Handwerksbetriebe und Dienstleistungsbetriebe‘ und jagen in manchen Branchen Kleinbetrieben „die Aufträge ab“.

Dazu stellen wir, Namensgeber von „roomsafari“, nach fast 20 jähriger Tätigkeit mit den VfJ Werkstätten GmbH Berlin fest:

 

 

1. Zum Entlohnungssystem der Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen:

Die Höhe des Zuverdienstes, ergänzend zur Grundsicherung bzw. Erwerbsminderungsrente der Mitarbeiter der Werkstätten wird von den politischen Entscheidungsträgern geregelt. Gesetzliche Regelungen zum Zuverdienst gelten übrigens nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch für die Zuverdienstgrenzen von nichtbeeinträchtigten Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen sind. Daher sollte sich jede seriöse und konstruktive Kritik, auch nur in Teilaspekten dieser Zustände, an die politisch Verantwortlichen wenden.

Egal ob beeinträchtigt oder nichtbeeinträchtigt: Wir können die Kritik an der Entlohnung aller nichtprivilegierten Lohnempfänger teilen, sind aber nicht dafür verantwortlich. So wie alle engagierten Menschen, die die Menschen und die Produktion in den Werkstätten betreuen, keinen Einfluß auf dieses Entlohnungssystem haben.

 

 

2. Werkstattproduktion als ‚großes Business‘:

Wir sind uns nicht sicher ob die Spiegelautorin so wenig recherchiert hat, dass ihr nicht klar war, dass es sich bei roomsafari nicht um die Fertigung bzw. Zulieferung an eine Firma handelt, sondern um eine Werkstatt-Eigenproduktion. Zumindest wird diese Unterscheidung zu anderen Firmen im Artikel nicht getroffen. Es macht aber einen großen Unterschied, gerade wenn hier unbewiesen kritisiert wird, diese Werkstätten wären „großes Business“ die in „ernster Konkurrenz“ zu Handwerksbetrieben in der Region stehen. Tatsächlich vergeben die VfJ Werkstätten, gerade auch für Ihre Eigenproduktion, sehr viele Aufträge an kleine Firmen und Handwerksbetriebe, sowohl in der Region als auch deutschlandweit. Sie sind somit ein wichtiger und verlässlicher Auftraggeber und Wirtschaftsmotor, gerade für kleinere Unternehmen. Denn im Vergleich zu manchen (nicht allen!) Unternehmen am freien Markt zahlen sie ihre Rechnung stets und pünktlich. Das wissen gerade Kleinbetriebe sehr zu schätzen, es sichert ihre Existenz.

Im übrigen ist es eine ökonomische Binsenweisheit, dass die Werkstätten in den jeweiligen Regionen innerhalb wie außerhalb ihres Unternehmens Arbeitsplätze „generieren“, wie jede andere Unternehmensansiedlung auch.

Außerdem können wir jeden beruhigen, der hier das ganz große Geschäft oder gar die persönliche Bereicherung auf Kosten von Hilfebedürftigen wittert. Reich ist und wird durch roomsafari keiner. Die Arbeit an der Werkstatt-Eigenproduktion roomsafari ist Überzeugungs- und Herzblutarbeit. Diese Designkollektion ist eine kleine zarte Pflanze, die viel Pflege braucht und kein ‚großes Business’. Die Produkte sind knapp kalkuliert, auch um Menschen bezahlbares und dabei möglichst hochwertiges Design anzubieten.

Auch wären Recherchen über die steuerliche Behandlung von „gemeinnützigen Vereinen mit wirtschaftlicher Ausrichtung“ und deren Gewinn hilfreich gewesen und im Besonderen eine Recherche mit dem für jeden einsehbaren Jahresabschluss der VfJ Werkstätten im Bundesanzeiger, mit den jeweiligen Zahlen zum Personalaufwand (Altersversorgung) und den Umsatzerlösen („dem großen Business“).

Die Werkstätten dürfen nur einen kleinen Teil des Gewinns ausschütten - nicht zur Bereicherung einzelner sondern v.a. für ihre beeinträchtigten Mitarbeiter. Mit den Überschüssen müssen Rücklagen gebildet und sie müssen reinvestiert werden, vor allem in viele soziale Bereiche oder in eine bessere Ausstattung der Werkstätten.

Eine Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen kann nicht so profitabel wirtschaftlich arbeiten wie Firmen auf dem ersten Arbeitsmarkt; in diesem Bereich ist sie nicht konkurrenzfähig. Die Kosten des Betreuungsaufwandes sowie der sozialpädagogischen Arbeit sind hoch. Kein ‚normaler‘ Betrieb leistet sich im angegliederten Verein für seine Mitarbeiter und andere hilfebedürftige Menschen betreute Wohnprojekte, vielfältigte inklusive Freizeit- und Sportangebote, Schulungen und Förderungen, z.B. in den Bereichen Lesen und Schreiben, Kochschule, Gesundheitsförderung, etc.

 

 

3. Inklusion ‚versus‘ Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen

Ein vollständig untauglicher Vergleich in dem Artikel ist die Gegenüberstellung zweier wenig geeigneter Beispiele von körperlich beeinträchtigten Menschen im ersten Arbeitsmarkt mit den in den Werkstätten oft geistig beeinträchtigten Menschen. Schließlich schreibt „der Spiegel“ selbst, dass 75 % der Werkstattbeschäftigten geistig beeinträchtigt sind.

Nicht alle Menschen, ob mit oder ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigungen, können im Journalismus bzw. den Medien, als Aktivisten, Grafiker oder sonstiges tätig sein - auch nicht als ,ausgebeutete’ Paketzusteller und schon gar nicht als Dachdecker arbeiten. Dem Artikel fehlt eine grundsätzliche Differenzierung, die den jeweiligen Beeinträchtigungen der Menschen und ihren kognitiven Möglichkeiten, für eine realistisch auszuübende Erwerbsarbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt, gerecht wird.

Es handelt sich bei einigen von ihnen um Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf. Wie das in einer Vielzahl von Betrieben und in der Realität umsetzbar sein soll, ohne fahrlässig zu handeln oder gar gesundheitsgefährdende Situationen auszuschliessen... solche wichtigen Antworten bleibt der Artikel schuldig.

Es scheint aber einfacher, die auch von uns geschätzte UN – Behindertenrechtskonvention ins Feld zu führen. Dann sollte zumindest ein Verweis auf die Regelung des Art. 27 Abs 1 Buchstabe e nicht fehlen:

Nach Artikel 27 Absatz 1 Buchstabe e der UN-Behindertenrechtskonvention sollen Beschäftigungsmöglichkeiten, beruflicher Aufstieg, Unterstützung beim Erhalt eines Arbeitsplatzes und beim Wiedereinstieg gefördert werden. Die Möglichkeiten für eine selbständige Beschäftigung sollen nach Artikel 27 Absatz 1 Buchstabe f gefördert werden. Artikel 27 Absatz 1 Buchstabe g schließlich sieht die Möglichkeit vor, dass Menschen mit Behinderungen im öffentlichen Sektor beschäftigt werden.

D.h. Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sind eine Alternative, Beschäftigungen im ersten Arbeitsmarkt sind vorzuziehen.

Es ist eine Selbstlüge einzufordern “den Lebensunterhalt durch eigene Arbeit zu verdienen“, wenn zum einen eine gesetzliche Beschäftigungsverpflichtung von Behinderten nach § 154 Abs. 1 SGB IX gleichzeitig dann dazu führt, dass sich die Unternehmen mit der Ausgleichsabgabe davon frei kaufen können (auch wenn deren Verteilung z.T. mittelbar zur finanziellen Unterstützung für schwerbehinderte Menschen verwendet wird). Dadurch werden wenige Arbeitsplätze für Behinderte im ersten Arbeitsmarkt geschaffen.

Und wenn die Unternehmen den WfbM Aufträge erteilen, auch wenn sie die Hälfte des Rechnungsbetrags (abzüglich der Materialkosten) von der Ausgleichsabgabe abziehen können, so entstehen zumindest in den Werkstätten Arbeitsplätze.

Das geforderte Recht auf die „freie Wahl des Arbeitplatzes“ von Behinderten im ersten Arbeitsmarkt unterliegt insofern der staatlichen Verordnung zur Beschäftigungsverpflichtung der Arbeitgeber, was wohl wenige nicht gutheißen. „Freie Wahl des Arbeitsplatzes“? Eine Mär, dass ohne diese Regelungen jene Unternehmen, die Behinderte beschäftigen, alle dies freiwillig tun.

Aber es gibt diese repektablen Unternehmen, die, mit oder ohne die o.g. Verpflichtung hinaus, Behinderte beschäftigen. Chapeau.

Und „by the Way, nur aus Eigeninteresse: Wie kommt eigentlich “ Der Spiegel” seiner Beschäftigungsverpflichtung nach dem § 154 Abs.1 SGB IX nach ??

 

 

 

4. Fazit:

Es entsteht leider der Eindruck, durch Wort und Bild eine „suggestive aufreisserische Story“ zu vermarkten, die von einer produktiven Lösung bzw. Debatte über die „Behindertenpolitik in Deutschland“ weit entfernt ist. Diese Debatte wird in Politik, Wissenschaft , den Verbänden und der Gesellschaft, auch mit konkreten Vorschlägen zu den „finanziellen Fehlanreizen“ geführt, auch unter Berücksichtigung einer zukunftsorientierten „Daseinsvorsorge“ des Staates.

Eine Überwindung von Segregation, die ein möglichst gleichberechtigtes Leben für Menschen mit Beeinträchtigungen fördert, benötigt breite Aufklärung, politische und praktische Vorschläge und keinen Schlagwortjournalismus.

 

 

Was bleibt:

Ein Beitrag ohne konstruktive Vorschläge zur Inklusionsdebatte.

Nach unserer Auffassung ein irreführender und rufschädigender Artikel, bei dem es nicht um einen sachgemäßen Diskurs bzgl. der „Behindertenpolitik“ in Deutschland geht, sondern um einen selbstdarstellerischen Beitrag, bei dem vor allem eine Gruppe verliert: Die Beschäftigten in den Werkstätten mit körperlicher bzw. geistiger Beeinträchtigung.

Vielleicht sind es genau solche inhaltsarmen Artikel, die Leser nicht mehr bereit sind zur Kenntnis zu nehmen und sich deshalb von der Presse entfernen.

Schade. Das hat Rudolf Augstein nicht verdient.

 

Christine Nogtev und Chul Cheong

 

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